Portrait von Imme Lohmeyer-Lorek

Wer ihre quadratischen Ölbilder genauer betrachtet, spürt sofort, dass Marianne Kersten mit großer Sorgfalt am Werk ist. Wenn sie die hiesige Tier- und Pflanzenwelt portraitiert, dann ganz detailgetreu. Auch die Malerin persönlich sieht das als ein wesentliches Kriterium ihrer Arbeit: „Ich bin detailversessen“, charakterisiert sie ihre Vorgehensweise.

Gelernt hat Marianne Kersten u. a. bei Johann Mitjukov (Ukraine) und Redzep Memisevic (Bad Salzuflen), doch hat sie längst ihren eigenen Stil gefunden. Ihre liebevoll gestalteten Blütenbilder verraten, dass die Malerin nicht eher den Pinsel sinken lässt, bis die letzte Pflanzenfaser so plastisch wirkt, dass man gern darüber streichen würde. Die Farbpalette reicht von strahlenden Rottönen über orange und gelb bis hin zu einem dunklen Violett. Die Leuchtkraft des roten Mohns zum Beispiel, ein von ihr bevorzugtes Motiv, gleicht fast dem Ebenbild in der Natur.
Weite Rapsfelder erstrecken sich in gleißendem Gelb auf einer quadratischen Holzfläche, bis auf das eine nächtliche Feld im Vollmondlicht, das durch seine gewittrige Stimmung eine eher düstere Ausstrahlung hat.
Marianne Kerstens Landschaften, als Orte der Stille und Inspiration, verlieren sich oft in einer von Melancholie geprägten Stimmung.

Detailliebe zeigt sich in noch stärkerem Maß in den Tierbildern der Malerin. Die Kühe, die sie als Nutztiere neben Fischen oft portraitiert, scheinen in ihrer Plastizität fast aus dem Bild herauszutreten. „Kühe berühren mein Herz“, gesteht die Künstlerin ihre Zuneigung zu den Rindern. Daher rührt wahrscheinlich auch die Hingabe, mit der sie jede einzelne Hautfalte herausarbeitet und jedes Härchen sichtbar werden lässt. Während sie in früheren Werken noch den Hintergrund realitätsgetreu abbildet, stehen ihre jüngsten Kühe nicht mehr auf der Weide, sondern wachsen aus einem überwiegend weiß gehaltenen Hintergrund heraus. „Mein Ziel ist es, so wenig wie möglich aufs Bild zu bringen und dadurch Atmosphäre zu vermitteln“, berichtet die Künstlerin aus ihrer Arbeit. Dadurch sieht sich der Betrachter stärker mit dem Wesentlichen konfrontiert. Die frontal abgebildete Kuh beispielsweise wird so zu einer Herausforderung, vielleicht auch einer Aufforderung an den Menschen, sie nicht als reines Nutztier zu betrachten.

Eine besondere Stellung in Marianne Kerstens Werk nimmt das Bild „Schweigen“ ein, da es bisher das einzige (menschliche) Portrait der Malerin ist. „Das Bild hat viel Interesse geweckt“, berichtet sie von einer Gemeinschaftsausstellung der „Offenen Ateliers im Raum Herford,“ im Juni 2014. Nach einem Gemälde von Gustav Klimt verwandelt sie eine lasziv-lebensfreudige Frau in eine melancholisch hinterfragende. Der abstrakt wirkende Hintergrund lässt die Traurigkeit in dem Blick der jungen Dame noch stärker hervortreten. Zwei Seelenzustände, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, lediglich die goldene Halskette ist identisch.

Imme Lohmeyer-Lorek
(Freie Journalistin und Autorin)